Wir leben in einer heterogenen Welt. Die Erde ist Heimat von verschiedensten Nationen und Kulturen. Dennoch werden alle Staaten durch zwei gemeinsame Strukturen miteinander verbunden: Macht und Geld. Jede Zielsetzung von Staaten richtet sich nach einer Mehrung dieser beiden Institutionen. Das Problem dabei ist, dass beide Faktoren relativ sind. Der einzige Weg die Macht oder den Reichtum einer Nation zu messen, ist der Vergleich mit einer anderen Nation. So ist der einzig mögliche Weg zur Vermehrung einer dieser Komponenten immer zum Nachteil einer weiteren Partei. Dieses Nullsummenspiel impliziert nicht ausschließlich aktive Machterweiterung durch Kriege oder ähnliches; es reicht, die Macht einer anderen Nation zu schmälern, um die Machtposition der eigenen Nation zu stärken. Nicht nur die Diskrepanz zwischen mächtigen und machtlosen Staaten lässt dabei Probleme entstehen, insbesondere die zunehmende Konkurrenz zwischen einflussreichen Staaten ist ein wesentlicher Faktor für geopolitische Spannungen und Konflikte. Um Krisenherde, die aufgrund dieser Strukturen entstanden sind, zu lösen, wäre lediglich ein Bruch mit den aktuellen Strukturen effektiv. Jedes Ziel, das in seiner Bemessung relativ ist, führt zwingend zu einem Ungleichgewicht. Im Umkehrschluss muss die Zielsetzung einer neuen Struktur absolut sein, nicht an Bedingungen anknüpfen oder zu Konkurrenz führen. Diese Ziele würden aufgrund ihrer Natur hierarchisch über relativen Zielen stehen.

Eines dieser Ziele wäre die philosophische Definition des Guten. Ohne den Begriff tiefgehend zu analysieren, benutzen wir hierbei die Lehren stoischer Philosophen: „Die gute Tat hat ihre Belohnung schon darin, dass sie vollbracht ist“. Seneca gibt uns hiermit eine Definition eines absoluten Ziels. Das Gute bedarf keiner Rechtfertigung, führt nicht zu Konkurrenz oder verfolgt zusätzliche Ziele. Diese Begriffserklärung ist dabei sehr relevant, um spätere Handlungsstränge heutiger Politik zu bewerten. Denn obwohl Politik, wie bereits analysiert, auf die derzeitigen Machtstrukturen aus sind, ungeachtet auch sozialer Errungenschaften durch anhaltenden Fortschritt, rechtfertigen insbesondere die westliche Machtbündnisse der zentraleuropäischen und neo-europäischen Staaten ihre Agenda mit einem weitläufigen Begriff der Moral. Was impliziert diese Moral und welche Konsequenzen entstehen dadurch?

Deckmantel einer Moral

Die Moral, ist anders als die Definition des Guten, nicht absolut. Moralische Vorstellungen können verschiedensten Ursprung, wie der Kultur oder Religion haben. Ihr Charakter ist somit subjektiv. Gute Taten, oder das Gute, können per Definition in der Allgemeinheit auf keinen Widerspruch stoßen. Die Intervention der NATO in Jugoslawien konnte moralisch begründet werden, da die mögliche Gefahr eines Genozids zur Handlung zwingen würde. Pazifisten begründen wiederum mit ihrer Moralvorstellung ein Ablehnen dieser Handlungsweisen. Währenddessen können Hilfsprojekte in Zentralafrika lediglich auf Widerspruch stoßen, wenn das Gute pervertiert wird, sein eigentlicher Begriff also benutzt wird, um andere Strategien zu verfolgen. Hierbei lässt sich bereits als Zwischenfazit ziehen, dass selbst ausschließlich moralische Zielsetzung nicht auf gleicher hierarchischer Stufe mit absoluten Zielen sein können, dafür aber einen pragmatischen Start in die richtige Richtung bieten könnten.

Weiter lässt sich feststellen, dass das Gute automatisch auch in der subjektiven Moralvorstellung eines jeden verankert ist. Hierbei entsteht ein Problem: Viele Menschen schließen daraus, dass ihre Moral das Gute impliziert. Somit werden beide Zielsetzungen miteinander gleichgestellt. Argumentieren Staaten nun also ihre Agenda mit einer Moral, suggerieren sie somit die höchste Form der Zielsetzung, womit sie automatisch jegliche Kritik negieren. Da man das Gute aufgrund seiner Natur nicht kritisieren kann, würde jegliche Kritik somit eine Diskreditierung des Kritisierenden rechtfertigen. Wie wir aber bereits festgestellt haben, beruhen aktuelle Strukturen auf den Säulen Macht und Geld. Ob westliche Staaten tatsächlich einen Strukturbruch anstreben und moralische Ziele als Vorstufe zu absoluten Zielen ihre Programme bestimmen, würde sich dementsprechend in ihren Taten widerspiegeln. Hierfür schauen wir uns eines der wichtigsten Ereignisse westlicher Geopolitik an.

Putsch in Teheran

Umstrittene geopolitische Operationen, insbesondere im Mittleren Osten, sind in jüngster Vergangenheit keine Besonderheit. Prägnante Beispiele wären der Irakkrieg mit anschließender Sanktionierungskriegsführung oder militärische Interventionen in Afghanistan. Auch wenn diese Operationen eine Antwort auf unsere Frage geben würden, ist die AJAX-Operation im Iran auch aus einem anderen Grund von essenzieller Bedeutung. Neben Krisenherden, die aufgrund struktureller Priorisierung der Macht entstehen, zeigt das Beispiel Iran, auch innerhalb jetziger Strukturen, ein Paradebeispiel für unkontrollierbaren Machtmissbrauch mit unvorhersehbaren Folgen.

In den frühen 1950er Jahre machte die Ölförderstadt Abadan am Persischen Golf circa 90 Prozent des europäischen Ölhandels aus. Das Monopol besaß Großbritannien in Form der Anglo-Iranian Oil Company, 1954 umbenannt in BP. Der Iran bekam lediglich 20 Prozent der Gewinne aus der Ölförderung. Gepaart mit einer Unzufriedenheit gegenüber der repressiven Führung des Schahs, kam es landesweit zu Arbeiterbewegungen und Aufstand des Bürgertums. Mohammed Mossadegh, ein in der Schweiz ausgebildeter Rechtsanwalt und Bewunderer freiheitlicher Werte, war Wortführer und Schlüsselfigur dieser Bewegungen. Neben einer Verstaatlichung der Ölraffinerien forderte Mossadegh unter anderem freie Wahlen und allgemeine Pressefreiheit. Er war Mitbegründer der Nationalen Front, ein Bündnis von liberalen, nationalen und sozialen Gruppierungen, unter anderem auch Oppositionsparteien. 1951 wurde Mossadegh vom Schah Mohammad Reza Pahlavi zum Premierminister ernannt und durch eine Wahl ins Amt bestätigt.

Der demokratisch legitimierte Premier verstaatliche als erste Amtshandlung die iranischen Ölraffinerien, sehr zur Empörung Großbritanniens. Zusammen mit der Führung der USA verhandelten sie mit dem Iran, woraus als Resultat nicht nur keine Einigung entstand, sondern eine Verhärtung und regelrechte Anfeindungen zwischen den Parteien. Ein Eingriff in den Iran, so warnte der amtierende Präsident Truman, würde eine Katastrophe nach sich ziehen. Nach dem Regierungswechsel 1953 war es Eisenhower, welcher für eine Geheimoperation im Iran zustimmte. Denn neben der Verstaatlichung des Öls, somit ein Entfallen wichtiger wirtschaftlicher Quellen Großbritanniens, war Mossadegh im Zuge der Wirtschaftskrise des Irans dazu bereit, Öl an die feindliche Sowjetunion zu verkaufen. Dies würde neben einem Bruch der vorherigen günstigen Beziehungen mit dem Iran auch eine Erstarkung der Sowjetunion nach sich ziehen.

Die Operation AJAX zielte auf die Bestechung von Medien, Politikern und kriminellen Organisationen hin, um auf allen Ebenen für eine aufgeheizte Stimmung, Druck auf die Regierung und den nötigen Gewaltpegel für einen Putsch zu sorgen. Über einen monatelangen Zeitraum konnten die Geheimdienste der USA und Großbritannien somit selbst den engeren politischen Kreis des Premiers korrumpieren. Während einer Demonstration am 19.08.1953 kam es zu Ausschreitungen zwischen Putschisten und Mossadegh-Anhängern. Die Schah-Treue Armee schloss sich den Putschisten an und Mossadegh musste zurücktreten. Der zu diesem Zeitpunkt im Exil lebende Schah sollte die zentrale Figur des Putsches sein. Er wurde nach Mossadeghs Rücktritt wieder als Machthaber installiert. Vorausgesetzt wurde seine Treue und Loyalität gegenüber dem Westen, auch in einer Rückwirkung der Verstaatlichung der Ölförderung. Er bedankte sich bei seinem Machtantritt namentlich bei dem Strippenzieher der Operation Kermit Roosevelt Jr.

Macht, Geld & Moral?

Mossadegh strebte keinen Wandel geltender Struktur an. Was er anstrebte, waren jedoch pragmatische Maßnahmen, um die soziale Überlebensfähigkeit seines Volkes zu verbessern. Der Putsch beinhaltete keine moralische Zielsetzung, lediglich das Streben nach Macht und Geld. Zum einen ist der Gewinn aus der Ölförderung lukrativ, zum anderen war die Gefahr einen geopolitischen Partner zu verlieren größer als die eigens beanspruchten demokratischen Werte, welche Mossadegh anstrebte. Eine zusätzliche Gefahr bestand in den Augen der westlichen Mächte darin, dass die Sowjetunion eine Quelle für billiges Öl erhalten würde. Wie wir oben bereits analysiert haben, reicht ein Angleichen der Machtverhältnisse aus, um die Übermacht einer Nation gegenüber einer anderen zu schmälern. Gerade nach dem Zweiten Weltkrieg konnten die USA dies anscheinend nicht zulassen, sahen sich deshalb zu einem Völkerrechtswidrigen Putsch gezwungen.

Innerhalb geltender Strukturen sind westliche Staaten also erfolgreich, werden sowohl wohlhabender als auch mächtiger – Instrumentalisieren jedoch die hierarchisch höheren Ziele. Sie legitimieren ihre Einsätze mit einem Begriff der Moral, suggerieren damit eine nicht kritisierbare Art der Zielsetzung. Ungeachtet der Tatsache, dass die oben definierten tatsächlichen guten Taten keiner Ankündigung oder Rechtfertigung bedarf, haben solche Instrumentalisierungen immer eine Perversion des Begriffes inne. Des Weiteren wird der Begriff Moral opportunistisch benutzt. Ähnliche Szenarien werden unter dem Begriff Moral anders bewertet, um einen Einsatz z.B. zur Machterhaltung zu rechtfertigen. Beispiele wären Sanktionen und Handelsbeziehungen zu Staaten mit ähnlicher Gleichstellung geltender Menschenrechte.

Das Beispiel Iran zeigt neben strukturbedingten Problematiken aber auch die Gefahren innerhalb des Systems auf. Der Putsch im Iran legte die Weichen für alle Krisenherde im Nahen und Mittleren Osten. Auf den Putsch folgte eine stetig wachsende Unzufriedenheit gegen Schah, insbesondere aufgrund seiner Loyalität zum Westen. Man darf nicht außer Acht lassen, dass die erfolgreichen Operationen des Westens zwar kurzfristige Vorteile der mächtigen Nationen hervorrufen, die Verlierer jedoch wachsenden Frust, Wut und Zorn entwickeln können, welche sich früher oder später in weiteren Handlungen entladen. Der Islam wurde zum Auffangbecken für die unzufriedenen Iraner, was letztendlich zur Islamischen Revolution 1979 führte. Auf die Islamische Revolution folgte der Erste Golfkrieg, eine Inszenierung der USA, um mithilfe von Saddam Hussein die Machtübernahme Chomeinis rückgängig zu machen. Ein Krieg der fast acht Jahre andauerte und neben unzähligen Toten zu einer diplomatischen Katastrophe in der Region führte. Aufgrund des Krieges und die Verschuldungen die Hussein eingehen musste folgte der Angriff des Iraks auf Kuwait. Aus einem ehemaligen Vasallen der USA wurde ein weiterer Feind, dessen Bekämpfung und anschließende Sanktionierung essenziell wurde. Husseins Methodik hatte sich nicht verändert, lediglich war Kuwait einer der wichtigsten Lieferanten von Erdöl für die USA.

Dieser rote Faden des Opportunismus zieht sich im gesamten mittleren Osten und auch in Teilen Nordafrikas durch. Nicht nur entstand dadurch eine undurchsichtige und nahezu unlösbare Krisensituation eines Gebiets, das knapp eine halbe Milliarde Menschen beheimatet, sondern auch eine Entstellung höherer Werte und Zielsetzung. Die Verfolgung niederer Ziele unter dem Deckmantel einer Moral offenbart einen weiteren Aspekt, welcher nicht ungeachtet bleiben darf. Agieren Staaten mit einer moralischen Begründung, impliziert dies nicht nur eine Überlegenheit im Machtverhältnis, denn keiner kann sie daran hindern, sondern auch eine moralische Instanz zu sein, die sich Urteile über andere Kulturen erlauben darf. Folgen dieser Handlungen beschränken sich nicht nur auf die lokalen Konflikte. Ein Ansatz, der sich spieltheoretisch Verfolgen lassen kann, ist die Verknüpfung anhaltender Doppelmoral und Machterweiterung westlicher Staaten, bin hin zu einem Punkt, an dem sich die heutigen BRICS-Staaten zu einem Bündnis zusammenschlossen. Das Prinzip basiert auf der Balance of Power und erläutert eine natürliche Tendenz hin zum Gleichgewicht, wäre aber eine eigene Thematik für sich. Wie lösen wir nun die ungleichen Machtverhältnisse und das Chaos, das auf der Jagd nach immer mehr Macht entsteht?

Strukturwechsel

Institutionen in geltenden Strukturen bieten keine Lösung des Problems, auch wenn ihre Darstellung dies nahelegen würde. Eine treffende Veranschaulichung sind die Vereinten Nationen. Sie wurden nach dem 2. Weltkrieg gegründet um als Richtlinie und als Institution das Zusammenwirken der Staaten dieser Welt positiv zu beeinflussen. Die Charta der UN hebt den Gedanken der Souveränität, sowie das dazugehörige Gebot der Nichteinmischung hervor. Da die UN jedoch keine Transferkompetenz besitzt, kann sie gegen Operationen von Staaten, wie oben angeschnitten, nicht Entgegenwirken. Sie hat deshalb keine Transferkompetenz, da sie nicht dem Zweck des Machtaustausches fördert. So kann sie wiederum nur instrumentalisiert werden, um anderen Staaten die Machtausübung zu erschweren. Auch ein Abwarten auf ein sich selbstregulierendes Gleichgewicht wird nicht aussichtsreich sein. Wie anfangs erläutert ist nicht nur das Verhältnis mitteloser und mächtiger Staaten ein strukturelles Problem, insbesondere Machtkämpfe der Supermächte sind Auslöser für globale Krisen. So werden Stellvertreterkriege zur eigenen Machterweiterung benutzt, durch Kredite und Investitionen starke Partnerschaften geschlossen und Wirtschaftsregulationen zur eigenen Übermachtstellung initialisiert. Des Weiteren werden auch in einem solchen Szenario die mächtigen Staaten nicht selbstständig ihre Macht abbauen.

Es benötigt einen klaren Bruch der Strukturen. Solange Geld und Macht die einzigen Antriebe politischer und gesellschaftlicher Zielsetzungen sind, werden uns die Probleme, die uns aktuell beschäftigen, auch in Zukunft herausfordern. Unsere Ambitionen dürfen nicht relativer, sondern müssen absoluter Natur sein. Das impliziert einen neu geschaffenen Rahmen, der Produktivität und Fortschritt als ein absolutes Ziel etabliert. Genau wie das Gute, welches seinen Zweck in sich trägt, müssen Produktivität und Fortschritt nicht an die Institutionen Geld und Macht gebunden sein, sondern selbst ihren Zweck in sich tragen. Während Innovationen meist von den Menschen kommt, welche allein den Fortschritt anstreben, ist für die breite Masse der Gesellschaft lediglich ein Mehrwert der Grund für Fortschritt. Etablieren wir eine Gesellschaft, in der der Fortschritt das sozialstrukturelle Ziel ist, mit einer Förderung und Umstrukturierung der derzeitigen Staatsordnung, wäre dies ein Ansatz für fortschrittlichere Systeme. Genau eine solche Staatstheorie wird in Devlet ausführlich analysiert. Was eine Stagnation unserer derzeitigen Leitbilder verursachen würde, kann jeder für sich selbst ausmalen; die weitreichenden Konsequenzen eines solchen Stillstands sollten aber nicht unterschätzt werden.