Oft sind es die Begriffe, die man am selbstverständlichsten gebraucht, die am vielschichtigsten sind. Haben Sie schon einmal über Glück nachgedacht? Was bedeutet Frieden? Oder vielleicht ist es auch der Hass? Selten fragen wir uns selber, ob wir wirklich wissen, was diese Dinge aussagen. Es sind keine Begriffe, die, wie das Wort „der Begriff“, andere Gegenstände und Konzepte beschreiben oder klassifizieren. Die angeführten Beispiele sind tiefgängige Konzepte mit umfangreichen logischen Implikationen, welche alle in ein stellvertretend für all diese verbundenen Inhalte herangezogenen Begriff eingegliedert werden. Wenn Sie an Glück denken, denken Sie an sehr viele verschiedene Dinge, die in ihrer Natur schon andere Eigenschaften haben, wie Gerüche, Erinnerungen, Beschreibungen und Gespräche. Sie denken an das, was Glück für Sie ist und daran, was man Ihnen beibrachte als Glück zu verstehen. Dafür, dass es hier um das Lesen eines Wortes geht, denken Sie sehr viel. Aber was bedeutet es eigentlich zu denken?
1. Dimension
Eine Antwort mit geringem Anspruch an die Nutzung der biologischen Fähigkeiten der menschlichen Spezies würde diese Frage damit beantworten, dass das Denken lediglich die grundlegende Betriebsfähigkeit des Gehirns ist. Eine Antwort, die diese Frage aber von der gegenüberliegenden Seite betrachtet, wird sich sicherlich zum Entschluss kommen, dass wir gar nicht denken, da das Gehirn in der Praxis so geringfügig genutzt wird, dass die Nutzung im Vergleich zur Leistungsfähigkeit einem vermeintlich wahrhaftigen Denken nicht nahekommen kann. Für sich betrachtet sind beide Ansichten zunächst einmal nachvollziehbar, da sie beide gleichermaßen in ihrem angewandten Betrachtungsumfeld beweisbare Erklärungen des Denkens anführen können. An dieser Stelle geraten wir aber in einen logischen Konflikt, da ein Wort so grundlegend ungleiche Nutzungsgrade des Gehirns nicht gleichzeitig beschreiben kann. Wenn zwei so unterschiedliche Betrachtungen einer Tätigkeit durch ein Wort versprachlicht werden, kann das Wort nur eine der beiden Betrachtungen verkörpern, was die Notwendigkeit der sprachlichen Erläuterung der jeweils anderen Betrachtung erzwingen würde, oder eine gänzlich andere Tätigkeit beschreiben. Im ersten Fall bedeutet dies, dass wenn wir das Denken darauf beschränken, dass unser Gehirn eine überlebensfähige Funktionalität aufweist, wir dann einen neuen Begriff für die vollends ausgeschöpfte Nutzung unseres Gehirns anbringen müssten, um diese unterschiedlichen Dinge voneinander unterscheiden zu können. Zwar liefert uns diese Aufteilung von Erklärungen keine Rückschlüsse auf das Dasein weiterer kategorisch unterschiedlicher Nutzungsgrade des Gehirns, welche nicht unter eine der beiden theoretisch zu nutzenden Begriffe fallen würde, aber sie würde unsere Auffassung darüber, was denn das Denken eigentlich ist, schärfen.
2. Dimension
Im zweiten Fall würden wir versuchen, eben das herauszufinden, nämlich ob das Denken nicht etwas anderes ist. Beginnen wir mit dieser Annahme, so übersteigt die Vielschichtigkeit dieser Aufgabe die einfache Wortfindung, welche im ersten Falle notwendig gewesen wäre. Allein schon der im oberen Ansatz eingegliederte Blickwinkel, in dem das Denken als ein Nutzungsgrad betrachtet wird, lässt Fragen offen, ob es mehr Nutzungsgrade gibt. Jedoch könnte es aber sein, dass das Denken keinen Nutzungsgrad des Gehirns, sondern einen inhaltlichen Vorgang beschreibt. Hierfür haben wir noch keinen eigenen Begriff, sondern müssten das Denken an sich mit verändernden Beschreibungen, wie das „räumliche“ oder „sprachliche“ Denken, ausstatten. Mit den vorangegangenen Beleuchtungen dieser Tätigkeit, bergen diese Zusätze größere Unklarheit in die Frage um das Denken als Antworten, führen aber zu einem verstärkten Wunsch, das Denken eindeutig zu beschreiben. Es stellt sich aber damit heraus, dass das Denken nicht nur in der Ausschöpfung der Leistungsfähigkeit, sondern auch auf einer inhaltlichen Dimension zu betrachten ist. Dabei stehen sich zwei grundlegend gegensätzliche Denkweisen auf dieser Dimension gegenüber: abstrakter Inhalt und wahrnehmbarer Inhalt. Induktives, deduktives und logisches Denken sind beispielsweise eindeutig auf der Seite der abstrakten Inhalte anzusiedeln. Auch wenn die Gedankengegenstände wahrnehmbar sein können, ist der gedankliche Umgang mit ihnen abstrakt. Auf der anderen Seite finden wir Denkweisen, wie das kreative, gefühlsgeleitete oder auch sprachliche Denken, wobei zwischen diesen Dimensionen aber etliche weitere Arten zu finden sind. Mit dieser inhaltlichen Seite des Denkens wird festgestellt, welche Inhalte das Gehirn am effektivsten auswerten und behandeln kann. Natürlich entstehen Tendenzen auf dieser Achse nicht im Vakuum, sondern durch Sozialisierung und genetische Voraussetzungen. Allerdings ist hier auch hervorzuheben, dass es ja nicht um die Ursachen oder Erklärung für eine Kategorisierung geht, sondern vielmehr um die Feststellung der verschiedenen Seiten des Denkens.
3. Dimension
Als Wesen, die in drei Dimensionen leben, müssen wir davon ausgehen, dass es auch für unsere Gedankenwelt eine dritte Dimension gibt. An das Beispiel des politischen Würfels anlehnend, welcher die Dimensionen des politischen Denkens als Unterkategorie des Denkens an sich erklärt, ist auch das allgemeine Denken noch auf einer dritten Dimension zu betrachten. Sie ähnelt der dritten Dimension des politischen Denkens sehr, da sie unsere Denkweise zwischen gefühlsorientiert und vernunftorientiert aufteilt. Anders als die erste Dimension, in der das Denken nach Ausmaß der Nutzung des Gehirns, und die zweite Dimension, in der das Denken nach inhaltlichem Schwerpunkt bewertet wird, beschreibt die dritte Dimension die Rolle von Gefühlen im Denkvorgang. Hierdurch wird unsere Wahrnehmung von sozialen Beziehungen, Naturgesetzen, philosophischen Fragen, Kunst und allen anderen möglichen Dingen beeinflusst. Sie bestimmt, wie wir Dinge wahrnehmen, verarbeiten und sie persönlich bewerten. Gefühlsorientiertes Denken führt zu subjektiven Bewertungen jeglicher Art, wobei das Urteil selbstverständlich durch viele weitere Einflüsse geprägt wird. Bei der vernunftorientierten Denkweise besteht eine persönliche Entfernung zu dem Gedankengegenstand, sodass eine Wertung weniger häufig vorgenommen wird – zumindest nicht nach gefühlsorientierten Maßstäben. Eine Unterscheidung auf dieser Achse führt dazu, dass man klassifizieren kann, wie Informationen in einem Gedankenkonstrukt verarbeitet werden. Je nachdem wo eine Denkweise auf dieser Achse liegt, lassen sich Blickwinkel auf Dinge besser oder schlechter nachvollziehen. Zum Beispiel kann ein moderat genutztes Gehirn mit inhaltlich sprachlich ausgelegter Denkweise entweder sprachlich-gefühlsorientiert, was Eigenschaften, wie Empathie, fördert, oder aber auch sprachlich-vernunftorientiert sein, was fördernde Wirkungen auf Eigenschaften, wie rhetorisches Geschick, hat.

Werden nun alle drei Dimensionen miteinander verknüpft, so entsteht der Gedankenwürfel. Er verkörpert die drei Achsen, auf denen wir das Denken ansiedeln und somit auch bewerten können. Hierbei unterscheiden wir, zusammengefasst, zwischen (i) dem Nutzungsgrad des Gehirns, (ii) des inhaltlichen Schwerpunktes und (iii) der Gewichtung zwischen Gefühl und Vernunft. Dieser hilft uns bei der Klassifizierung von Denkweisen und des Facettenreichtums unseres Gehirns, wobei die Operationalisierung dieses Wissens dann eine Frage ist, welche an anderer Stelle zu beantworten ist. Die wichtigste Erkenntnis aus dieser Formulierung des Konzepts des Gedankenwürfels ist, dass das Denken weitaus mehr als nur eine grundlegende Leibestätigkeit ist. Bewusst wird dies selten und auch der zeitgenössische Sprachgebrauch spiegelt dies wider, wenn man einmal darüber nachdenkt, wie oft man vorgibt, zu denken. Somit bietet der Würfel eine übergeordnete Karte für das Gehirn und seine Gedanken. Zwar können wir innerhalb dieses Würfels viele verschiedene Denkweise erfassen, aber wie durch den politischen Würfel bereits angedeutet wurde, können Teilbereiche des Denkens abermals in dreidimensionale Würfel aufgeteilt werden, was die Vielschichtigkeit unseres Gehirns und des Denkens noch einmal mehr veranschaulicht. Wenn wir uns nun abschließend der Frage widmen, was es denn nun bedeutet zu denken, so kann es aufgrund der Vielschichtigkeit des Gehirns nur bedeuten, dass es eine sehr anspruchsvolle Tätigkeit sein muss. In der Natur gibt es keine Kompromisse und so sollte es mit der Bezeichnung natürlicher Eigenschaften auch nicht sein. Mit anderen Worten wäre es falsch, die Erklärung des Denkens so weit zu vereinfachen, dass sie den hohen Gedankenebenen nicht mehr gerecht wird, wogegen eine große Entfernung zu den niederen Gedankenebenen keine diskursiven Nachteile mit sich bringt. Hierfür lässt sich eine neue Beschreibung finden, welche die transaktionelle Nutzung des Gehirns zum Erhalt eines Organismus treffender bezeichnet. Wenn wir uns aber an das Denken im hohen Sinne machen, so wäre eine treffende Bezeichnung, die auch zum Denken einlädt: „Das Denken ist eine bewusste Tätigkeit des Gehirns, welche durch die reflektierte Auswahl seiner Nutzungsformen echte Wissensschöpfung ermöglicht“.