Seit einigen Jahren nun zeichnen sich in der deutschen politischen Landschaft zunehmende Disharmonien ab. Während in den 2010er Jahren noch von einem „Rechtsruck“ in der Politik mitteleuropäischer Staaten gesprochen wurde, sehen wir immer stärkere Neigungen zu linksorientierten politischen Kadern. Mit der Intensivierung dieser Strömungen vertiefen sich als Reaktion auch rechte Strömungen in der Politik Deutschlands und Europas. Kurzum: Es ist eine erhöhte gefühlslastige Politik zu erkennen. Untermalt wird diese Radikalisierung von der herrschende Gewalt in Frankreich, Wirtschaftskrise in Großbritannien und dem Populismus in Italien. Deutschlands politische Krise ist vor allem durch intransparente Politik der Bundesregierung geprägt. Weder ist eine klare Zielsetzung formuliert noch lässt sich aus der Entscheidungsfindung des aktuellen Kaders eine eindeutige Linie für das gesellschaftliche Vorankommen erkennen. Das Land erlebt eine Zeit des Reaktionismus, welcher die Politik in eine starke Abhängigkeit von externen Entwicklungen bringt. Das bedeutet, dass die Existenz von Entwicklungen außerhalb Deutschlands die Politikgestaltung in den jeweiligen Politikfeldern bestimmt. Ein prägnantes Beispiel ist der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine. Politische Antworten erfolgten hier in Stößen in Folge auf Kerngeschehnisse und wurden zudem populistisch benutzt. In diesem Artikel wird die aktuelle Lage nach der devletistischen Politikanalyse untersucht und ein entsprechender Lösungsansatz formuliert.
Geschichtliche Probleme
Es mag recht abwegig erscheinen, zeitgenössische Probleme aus einem geschichtlichen Blickwinkel zu betrachten, doch gerade das Verständnis der Ursache ist der Kern tragbarer Lösungsansätze. Im Falle Deutschlands ist die aktuelle Schwäche des politischen Systems auf die Inkompatibilität der gesellschaftlichen Reife mit dem Nationalstaatsgedanken zurückzuführen. Deutschland wurde mit seiner Vereinigung im Jahre 1871 sehr spät zu einem vereinten Nationalstaat, obwohl eine deutsche Kultur in fragmentierter Form lange Bestand hatte. Jedoch muss man die Entstehung eines jeden Staates wie eine Erstgeburt betrachten, da das Volk sich mit dieser systemischen Struktur erstmal selbst finden muss. Wie auch der Mensch im Einzelnen, muss somit auch ein neuer Staat Entwicklungsstadien durchlaufen. Deutschland war aber durch seine Einkesselung von bereits etablierten Staaten dazu gezwungen, frühzeitig reif zu werden, um seinen gemeinsamen Fortbestand zu sichern. England, Frankreich, Spanien und Russland waren bereits Jahrhunderte bevor Deutschland den Zusammenschluss erreichen konnte etablierte Reiche. Gepaart mit der Euphorie einer jeden jungen Nation war dies der geeignete Nährboden zur Radikalisierung der Politik. Kurz nach der Staatsgründung also führte diese vorgezogene gesellschaftliche Pubertät der deutschen Nation zu zwei Weltkriegen. Beide gründeten auf politisch untragbaren Entscheidungen, die aus starken Gefühlslagen entstanden. Während es Otto von Bismarck schaffte, das deutsche Reich technokratisch zu leiten, waren Kaiser Wilhelm II. und Adolf Hitler ihren Gefühlen und ihrer Kurzsicht, welche aus der fehlenden deutschen Staatskultur rührte, unterlegen. Vergleicht man dies mit älteren Nationen, so stellt man fest, dass auch diese ihre blutigsten Kriegen in den Anfangsjahrzehnten ihrer Entstehung führten und nur gegen ihr Ende nochmal radikal handelten. Italien und Österreich wurden ebenfalls recht spät gegründet und waren entsprechend ähnlich radikalisiert, wie Deutschland, auch wenn ihre vorangegangenen Staatsgründungen diese Dynamiken etwas hemmten.
Nach dem zweiten Weltkrieg wurde Deutschland durch die Spaltung davon abgehalten, sich organisch in ihrem Reifevorgang weiterzuentwickeln. Natürlich konnten hier vor allem in Westdeutschland einige wichtige Erfahrungswerte im nationalen Staatswesen gesammelt werden, welche aber angesichts der Geschichte des deutschen Volkes und der Einbindung in die europäische Geographie unzulänglich waren. Somit konnte das Land seine ersten 120 Jahre gar keinen organischen Reifevorgang durchleben, um eine tragbaren Staatstradition zu etablieren. Ähnliches sehen wir im Nahen Osten, wo sich die arabischen Staaten erst nach dem Fall des Osmanischen Reichs dem Aufbau eigener organischer Strukturen widmen konnten. Auch hier ist eine politische Radikalisierung zu erkennen, weil die Staaten erstens neu mit dem Gedanken des Nationalstaats in Berührung kamen und zudem noch aussondern mussten, wie man nach den eigenen gesellschaftlichen Strukturen ebendiese Gesellschaft leitet. Zum Vergleich blickt die Türkei auf eine über 2000 Jahre alte Staatskultur zurück, die ihren Ursprung bei den Hunnen hat und zu etlichen staatsmännischen Innovationen führte. Die Briten konnten seit dem Mittelalter fast 1500 Jahre ihren gesellschaftlichen Entwicklungsvorgang vorantreiben. Deutschland kam erst nach der Wiedervereinigung dazu. Und da griff auch schon die soziale Einbindung der Europäischen Union in diesen Vorgang ein.
Nährboden für Schwäche
Durch die fehlende Staatskultur und gesellschaftliche Identität konnte man in Deutschland eben keine nachhaltige Lage schaffen, die politisch versierte Staatsmänner hervorzubringen vermochte. Jedoch konnte man durch die gesellschaftlichen Eigenschaften des deutschen Volkes, wie Fleiß, Bescheidenheit und Gesetzesmäßigkeit, bedeutenden Wohlstand erlangen. Natürlich war dies auch den friedensschaffenden Strukturen in Europa und dem Schutz der Vereinigten Staaten von Amerika geschuldet. Durch die Europäische Integration, die Schaffung einer starken kontinentalen Wirtschaft, dem militärischen Schutz der Nordamerikaner und den merkantilistischen Maßnahmen dieser beiden Wirtschaftsregionen, entstand eine profitable Wechselwirkung in Deutschland. Das Land fungierte als Triebwerk der westlichen Wirtschaft und wurde dafür politisch geschützt und sogar geleitet. Auch in Ostdeutschland fand dies statt, wenn auch mit einem roten Anstrich. Deutschland wurde jeglicher Anreiz der politischen Weiterentwicklung genommen. Man brauchte ausführende Kräfte: Ingenieure, Anwälte, Richter, Lehrer, Professoren; für die Funktionalität der Politik war ja ausgesorgt. Zum ersten Mal wurde dies in der Merkel-Ära sehr deutlich. Auch wenn diese Zeit von Stabilität geprägt war, fehlten proaktive Impulse.
Heute erleben wir aber andere internationale Dynamiken. Andere Nationen holen in ihrem Entwicklungsstand auf und die Vormachtstellung der westlichen Nationen verliert an relativer Stärke. Immer mehr bilaterale Handelsbeziehungen in Staaten abseits von Europa und den amerikanischen Staaten werden in regionalen Währungen aufgebaut. Gelder fließen direkt zwischen diesen Industrienationen und die technologische Expertise holt die des Westens ein. Auch gesellschaftlich bröckelt das Wissensmonopol der westlichen Nationen. Mit dieser Diversifizierung der Weltwirtschaft ist der deutsche Erfolg nicht mehr sichergestellt und proaktive Politikgestaltung ist erforderlich. Nun haben wir aber gesehen, dass man in Deutschland ja nie eine eindeutigen Staatskultur aufbauen konnte, weswegen auch in der heutigen politischen Landschaft keine Politikwissenschaftler anzutreffen sind. Durch die jahrzehntelange Auslagerung politischer Entscheidungen und einer Mentalität, die lediglich auf die Erhaltung des politischen Tagesgeschäfts ausgerichtet war, gerät Deutschland immer weiter in eine Lage der Orientierungslosigkeit; Sie erinnern sich, dass wir eingangs festhielten, dass die deutsche Politik reaktionär ist. Zudem beflügelt diese Orientierungslosigkeit auch eine Radikalisierung. Ohne wirkliches Ziel und Gefühl des Zusammenhalts, spaltet sich die Gesellschaft in radikalisierte Lager, wobei auch hier die politischen Programme unschlüssig sind. Was genau erwartet beispielsweise die Alternative für Deutschland? Ihr Parteiprogramm fasst lediglich Entwicklungen der letzten zehn Jahre auf, indem es immer wieder auf die hohe Einwanderungsquote eingeht. Wofür steht die sozialdemokratische Partei Deutschlands? Mit dem materiellen Wohlstand der Arbeiterklasse fällt der Grundstein des Umverteilungsgedankens im Prinzip weg. Möchte die Grüne-Partei nun Kriege vermeiden oder antreiben? Wann werden die freien Demokraten die Steuern senken? Während dies niemand zufriedenstellend in Deutschland beantworten kann, schreitet die Zusammenrottung in diese Lager immer weiter fort.
Devletismus als Lösung
Wir haben also gesehen, dass Deutschland seinen gesellschaftlichen Reifevorgang nicht abgeschlossen hat und keine designierte Staatskultur entwickeln konnte. Auch hier bietet uns der Devletismus die geeigneten Lösungen. Als organisch fungierende technokratische Politikführung bezeichnet muss sich Deutschland darüber bewusst werden, dass ohne die Präsenz von Politikwissenschaftlern in der Regierung kein Land in Sicht sein wird. Diese werden aber keinen Einzug in die Regierung finden, wenn die politische Landschaft weiterhin so gefühlsgeladen ist. Der Links-Rechts-Populismus der deutschen Nation verhindert zum einen, dass die Bevölkerung informierte Wahlentscheidungen treffen kann, zum anderen aber auch, dass geeignete Fachleute heranwachsen, geschweige denn im politischen Ablauf in die hohen Regierungsebenen finden. Ein Technokrat schwingt keine bewegenden Regen, in der Schlagwörter und Phrasen benutzt werden. Er lenkt das Volk nicht von den Lösungen ab oder befeuert seine Gefühle. Ein Technokrat argumentiert und überzeugt. Er arbeitet mit seinen Kollegen zusammen, um die Nation voranzutreiben. Die technokratische Politikgestaltung kennt keine „linke“ oder „rechte“ Politik, sondern setzt die nötigen Maßnahmen durch, um die Nation in allen Belangen zu verbessern. Um dorthin zu gelangen aber muss das deutsche Volk zunächst seiner übergestülpten Radikalisierung entgegentreten. Es muss sich von den äußeren Einflüssen und den Dynamiken des Tagesgeschäfts befreien. Das geht nur, indem man sich mit der jungen Nationalgeschichte, aber auch mit den geistigen Errungenschaften vor dieser Zeit auseinandersetzt. Heute werden die großen Intellektuellen der Deutschen nicht mehr gelesen, geschweige denn verstanden. Setzt man sich aber mit Nietzsche, Kant, Schopenhauer und Hegel auseinander, so stellt man fest, dass die derzeitige Gesellschaftsstruktur weit von den Lehren dieser Namen entfernt ist. Seit Bismarck kam auch nicht mehr viel an brauchbaren geistigen Neuerungen zur intellektuellen Geschichte dieser Nation. Sich auf den eigenen Kern berufend kann sich Deutschland selbst neu erfinden und organisch seinen Reifevorgang fortsetzen. Natürlich wird das Land weiterhin von den Einflüssen der restlichen westlichen Welt beeinflusst bleiben, sollte aber nicht von diesen geleitet werden. Nur so kann der Deutsche das verlorene Jahrzehnt aufholen und seine fortlaufende Radikalisierung aufhalten. Sollte dies nicht geschehen, wird der politische Kurs weiterhin von Reaktionismus und Radikalismus geprägt werden, ohne eigene klare Ziele zu verfolgen. Aufgrund der Wirtschaftsmacht Deutschlands kann dies erneut zu großen Verwerfungen in Europa und der Welt führen. Somit ist die Lösung des Deutschen der Deutsche selbst. Reift er nicht, wird er sich und anderen nachhaltig schaden.