Kritik an der Politik war schon immer Mode. Egal, wie es um die Nation steht, die Politik macht es falsch. Dabei fallen unterschiedliche Aspekte der Politik, je nach Lage, in den Blick der gesellschaftlichen Kritik: Gesetze, Verhalten von Politikern, Teilbereiche des politischen Systems und natürlich das System selbst. Die Kritik selbst beruft sich aber oftmals auf den Grundwert der Demokratie. „Dies oder jenes ist nicht demokratisch“, ist in keiner Wissensschicht eine unbekannte Aussage. Stellen wir aber einige, zielgenaue Fragen, so stellt sich schnell heraus, dass Kritik an der Politik nur in seltenen Fällen inhaltlich angetrieben ist. Was genau ist nicht demokratisch, also wo genau wurde das Volk in die Entscheidung nicht adäquat eingebunden? Wo wurde ähnlich vorgegangen, entstand jedoch keine Kritik? Welche Interessen und Ziele könnten neben den kritisierten Effekten noch verfolgt werden, die eine bestimmte Entscheidung beeinflussen würden? Welche Alternativen kann man aus dem hervorgebrachten Kritikpunkt extrahieren? Diese Fragen halten dem entrüsteten Bürger den Spiegel vor und geben, je nach Werthaltigkeit der Antworten des Kritikers, oftmals nur eine Antwort: Man kritisiert, um den Schein der Beteiligung zu erwecken. In dieser kurzen Ausarbeitung geht es genau um diese Lüge. Das Argument ist, dass politische Beteiligung in den zeitgenössischen Demokratiesystemen nahezu gar nicht besteht. Die Völker solcher Systeme sind weder souverän noch unabhängig oder geschweige denn mündig. Ihre Beteiligung am politischen Geschehen beschränkt sich auf den Ausdruck ihrer Gefühle, ohne sinnvoll zur gesellschaftlichen Entwicklung beizutragen. Das Volk ist in nicht-devletistischen Systemen lediglich ein Vehikel zum Erreichen von anderen vorgefertigter Ziele und zur Erfüllung ihrer Interessen. Wenn Sie diese Hypothese beim Lesen schon auf andere Menschen angewandt haben, haben Sie diese bereits jetzt schon bestätigt.

Der Demokratiegedanke

Es geht bei der demokratischen Staatsführung um zwei wesentliche Aspekte. Zum einen wird das Volk als Souverän, also der Herrscher, der Nation angesehen, damit die Politikgestaltung den Charakter der Gesellschaft abbildet. Dies ist ein guter Gedanke, weil er auf eine der zentralen devletistischen Prinzipien der organischen Entwicklung von Gesellschaften fußt. Dieses Prinzip besagt, dass sich eine Gesellschaft, sowie auch jede Einzelperson, nur im Einklang ihres eigenen Charakters effektiv und effizient entwickeln kann. Sind Sie also innerlich ein äußerst begabter Biologe, weil Ihre Genetik und Sozialisierung Sie so geformt haben, werden Sie als Architekt bei weitem niemals so erfolgreich werden können, wie als im biologischen Bereich. Das gilt auch für Staaten. Durch das Beteiligungsprinzip zeichnet sich der Charakter einer Gesellschaft im Aggregat ab und so gewährleistet man, dass sich die Gesellschaft im Einklang mit diesem Charakter entwickelt – theoretisch. Zum anderen aber wird diese Souveränität aus pragmatischen Gründen an Vertreter übergeben, damit diese dann in einem Gremium mit ihren Fähigkeiten Politik im Einklang mit dem Charakter des Volkes gestalten. Auch dieser Aspekt ist vollkommen legitim und angebracht. Nicht-devletistische, demokratische Systeme fangen aber in der Umsetzung an zu bröckeln, weil die grundlegende Zielsetzung des gesellschaftlichen Lebens falsch ist. Aufgrund unserer derzeitigen Evolutionsstufe, sind gesellschaftliche und politische Ziele so strukturiert, dass wir nach mehr Kapital und Macht streben. Politische Systeme haben immer diese beiden Ziele als erstrebenswert behandelt und sich so positioniert, dass das gesellschaftliche Leben dies abbildet. Um das einmal zu veranschaulichen, können wir in die Forschung blicken, wo die Finanzierung von Projekten immer mit einem Gebrauchsgedanken durchgeführt wird. In der Musik wird für Profit gesungen und Buchpreise werden an Werke vergeben, die den Geldgeber am besten repräsentieren. Das devletistische Ziel der echten Wissensschöpfung ist leider weder in den politischen Rängen noch im Volk vertreten.

Warum Zeitgenössische Demokratien Scheitern

Mit der Verbreitung des Demokratiegedankens hat sich auf seltsame Weise auch die Idee des Parteiensystems durchgesetzt. Parteien vertreten Subgruppen der Gesellschaft und konzentrieren sich hauptsächlich auf die Interessen dieser Gruppen. Der Bürger wird in aktuellen Demokratien dazu angehalten, sein Mandat an diese Organisationen zu übertragen, die ja aber nicht das Gesamtinteresse der Nation, und somit den Charakter der Gesellschaft, vertreten, sondern nur einen Teil davon. Somit hat man schon das Hauptproblem, weshalb immer Kritik entsteht: nationale Interessenkonflikte. Jetzt wird das aber nochmal weiter dadurch beflügelt, dass diese Organisationen mit erhöhter interner Kohärenz und Organisationsgeschichte ein immer ausgeprägteres eigenes Interesse entwickeln. Es entsteht dann im Kontext der bestehenden Zielsetzung von Wohlstand und Macht ein Wettbewerb zwischen den Parteien. Es geht nicht mehr darum, darum dass Parteien die Gesellschaft vertreten, sondern darum, als Organisation erfolgreich zu sein. Da der Erfolg aber von der Beteiligung der Bevölkerung abhängt, wird diese zum Vehikel der Politik. Der Kreis schließt sich mit unseren Gefühlen und der ständigen Kritik an dem System.

Ihre Entscheidungen sind in Bereichen, in denen Sie sich am besten auskennen, natürlich am besten. Als Fachmann eines Gebietes können Sie Gefühle und Ideen kanalisieren und dadurch gute Entscheidungen treffen. Dass ein Volk in der Breite hohes politisches Wissen aufweist, ist in nicht-devletistischen Systemen undenkbar. Das nutzen Parteien aus, um ihre Interessen zu fördern. Ihre Strategien sind nicht darauf ausgelegt, dass Sie sich als Bürger aktiv, informiert und rational an der Politikgestaltung beteiligen. Vielmehr sollen Sie gefühlsgeleitet entscheiden und Ihr Mandat an den übergeben, der Sie überzeugt. Überzeugt wovon? Nach welchen Maßstäben wird denn gute Politik gemacht? Rational ist es die Überlegung, was am besten für die Nation ist, und dazu brauchen Sie aber technische Bewertungsmittel, akademische Einblicke, geschichtliche Zusammenhänge und Daten. Das ist mühselig und unangenehm. Der gemeine Bürger wird sich nicht die Mühe machen, diese Ressourcen zu erarbeiten und keine Partei wird sich die Mühe machen, die Bürger entsprechend zu schulen. Der Weg über die Gefühle ist einfacher.

Entsprechend ist alles, was Sie als Information wahrnehmen und nicht wahrnehmen bedacht und sorgfältig an Ort und Stelle platziert. Dass auf einmal bestimmte gesellschaftliche Debatten stattfinden, die vor zwanzig Jahren nicht aufkamen, ist kein Zufall. Es geht sogar so weit, dass Sie sich nicht einmal sicher sein können, ob Ihr Musikgeschmack wirklich Ihrer ist. Mögen Sie ein Lied, weil Sie es sich ausgesucht haben oder ist der Zugang zu dem Lied durch die Platzierung in den „Charts“ das, was Sie dazu bewegt, dieses Lied zu hören? Woher wissen Sie wirklich, ob bestimmte Lieder die beliebtesten sind? Und selbst wenn, wieso beeinflusst dies Ihren Geschmack? In der Politik der demokratischen Systeme unserer Zeit ist es nicht anders. Leben plötzlich vegan, weil Sie das schon immer so wollten oder weil die Debatte darum so prominent ist, dass Sie es als natürlichen Schritt sehen? Ist Ihre radikale Gegenhaltung gegen den Veganismus schon immer da gewesen oder nur eine bewusst provozierte Reaktion durch eben die Platzierung dieser Debatte in der Öffentlichkeit? Ihre ständige Kritik am System hat oftmals keinen Halt. Sie ist reaktiv auf das, was passiert. Und das was passiert, kann und wird durch Parteien gesteuert, die die Mittel dazu haben und diese nutzen, um im Wettbewerb mit den anderen Parteien erfolgreich zu sein. Demokratien können so nicht funktionieren und sind streng genommen auch keine Demokratien. Sie haben das Gefühl, über alles reden zu können, aber dabei wird das sorgfältige Gleichgewicht von Befürwortern und Gegnern von Ideen und Präferenzen gründlich beobachtet.

Echte Demokratie ist aktiv. Sie sind passiv und das hilft dem System. Wenn Sie wirklich gegen den Krieg Israels gegen Palästina wären, würden Sie den Konsum sämtlicher nordamerikanischer und israelische Produkte, Dienstleistungen und Medien direkt einstellen. Beiträge auf den sozialen Medien zu teilen, erschöpft nur Ihre emotionale Kapazität, sodass Sie sich schon beteiligt fühlen, ohne es zu sein. Hätten Sie wirklich Angst vor fremden Kulturen in Ihrem Land, so würden Sie Ihre eigenen Werte und Traditionen stärken. Die Empörung über einen Umstand hält Sie davon ab, etwas dagegen zu tun. In zeitgenössischen Demokratien versuchen Parteien primär, Sie aus der wirklichen Politikgestaltung herauszuhalten und den Schein einer Beteiligung aufrechtzuerhalten. Sie sollen Ihr kleines Kreuzchen alle paar Jahre mal auf den Wahlzettel bringen und sich in der Zwischenzeit nur empören. Wirklich aktiv zu sein und sich seiner Volkssouveränität bewusst zu sein bedeutet, dass man seine Wirtschafts- und Handlungskraft so kanalisiert, dass die Politik den gewünschten Kurs einschlagen muss. Sie sind gegen die Ausbeutung von Bauern? Vermeiden Sie billige Industrieprodukte. Sie sind gegen den Klimawandel? Recyclen Sie mehr, reduzieren Sie Ihren Fleischkonsum und verzichten Sie auf Ihr Auto. Sie sind gegen einen bestimmten Krieg? Boykottieren Sie Produkte der Gegenseite und beteiligen Sie sich an Lobbygruppen für die Seite, die Sie unterstützen. Zu guter Letzt: Seien Sie sich darüber bewusst, dass Sie der Souverän sind. Es sind nicht die anderen, die sich unnötig aufregen und durch ihre Kritik eine demokratische Lethargie forcieren – Sie tun das auch! Als wichtigen Leitsatz können Sie sich merken: Je einfacher und breiter eine Debatte, desto vorsichtiger müssen Sie sein. Hinterfragen Sie immer Ihre intuitive Reaktion auf politische Themen und fragen Sie sich, wem es hilft, dass Sie so denken. Und seien Sie bitte so ehrlich zu sich selbst zu hinterfragen, ob Sie wirklich an der Lösung eines von Ihnen ausgemachten Problems interessiert sind oder die gefühlslastige Beschäftigung damit genießen. Denn am Ende ist der richtige Weg immer der schwierige und ungemütliche, und das mögen wir ja nicht. Aber das weiß auch die Politik in zeitgenössischen Demokratien.