STRATEGISCHE PERSPEKTIVE AUF DEN JEMEN-KONFLIKT
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Der andauernde Krieg im Jemen hat sich über das letzte Jahrzehnt hinaus von einem Bürgerkrieg zu einem prekären Interessenkonflikt von regionalen und internationalen Kräften entwickelt. Dies liegt nicht nur an der strategisch wichtigen Lage an der Meerenge Bab al-Mandeb, welche die schnellste Verbindungsroute der Seefahrt zwischen Asien und Europa darstellt, sondern auch an der zentralen Rolle des Jemen innerhalb der regionalen Machtkonstellation. Der Konflikt verbindet die Interessen Saudi-Arabiens, Irans und weiterer regionaler Akteure und ist durch die Unterstützung der Huthi durch den Iran eng mit der saudisch-iranischen Rivalität verbunden. Gleichzeitig hat die zunehmende Einbindung der Huthi in den Konflikt zwischen Israel und Iran die Bedeutung des Jemen über seine unmittelbare Nachbarschaft hinaus erweitert. Angriffe auf die Schifffahrt im Roten Meer zeigen dabei, wie der Konflikt von einem innerstaatlichen Machtkampf zu einem regionalen Sicherheitsproblem mit globalen wirtschaftlichen Auswirkungen geworden ist.
Da dieser Konflikt viele Schnittstellen der regionalen Rivalitäten und der damit verbundenen Hegemonien verbindet, bietet diese Situation die Möglichkeit, zwei grundlegende Dynamiken der derzeitigen Geopolitik zu beleuchten und zu analysieren. Zum einen verdeutlicht sich die zunehmende Bedeutung von Süd-Süd-Kooperationen mit China, insbesondere mit wichtigen Verbündeten der Vereinigten Staaten von Amerika (im Folgenden: die USA), namentlich Saudi-Arabien. Chinas Möglichkeiten der Einflussnahme umfassen ein anderes Portfolio als das der USA, eines, das wesentlich mehr Flexibilität zur strategischen Ausrichtung und möglichen Kooperationen zulässt. Im Kontext des Jemen-Konflikts, können wir erkennen, weshalb China nicht nur die geopolitische Machtdiskrepanz zwischen sich und den USA verringert, sondern auch, wie es selbst eine Dominanz in den Süd-Süd-Kooperationen aufbauen konnte. Auf der Kehrseite der Medaille lässt sich daran erkennen, dass die USA ihre dominante Stellung in der Region nicht ohne Weiteres auf einem erreichten Niveau halten können, eine Dynamik, welche wir im Folgenden durch die strukturellen Einschränkungen der Monopolposition analysieren werden.
Der Krieg Im Jemen
Das Fundament, auf welchem sich der aktuelle regionale Stellvertreterkonflikt entwickeln konnte, liegt in der politischen und kulturellen Fragmentierung des Landes. Der Jemen war bis 1990 ein geteiltes Land; Nordjemen, welcher traditionell eine enge Beziehung zu Saudi-Arabien pflegte, begründet in der geteilten Grenze, und Südjemen, welcher bis 1990 marxistisch-leninistisch geführt wurde. Während Nordjemen politisch und wirtschaftlich stärker an die arabischen Monarchien der Golfregion angebunden war, entwickelte sich Südjemen während des Kalten Krieges zu einem engen Verbündeten der Sowjetunion. Die Vereinigung beider Staaten im Jahr 1990 beseitigte diese historischen Gegensätze jedoch nicht. Bereits 1994 eskalierte der Konflikt zwischen den politischen Eliten des Nordens und Südens erneut zu einem Bürgerkrieg, den die nördlichen Kräfte unter Präsident Ali Abdullah Saleh für sich entscheiden konnten. Die politische Ordnung blieb auch in den folgenden Jahren von regionalen und gesellschaftlichen Spannungen geprägt. Besonders im Norden gewann die Huthi-Bewegung an Bedeutung. Die Huthi, offiziell Ansar Allah, entwickelten sich aus einer zayditischen religiösen und politischen Bewegung und richteten sich zunehmend gegen die Zentralregierung Salehs. Zwischen 2004 und 2010 kam es zu mehreren bewaffneten Konflikten zwischen den Huthi und der Regierung. Die arabischen Aufstände von 2011 verschärften die politische Instabilität. Nach dem Rücktritt Salehs übernahm Abdrabbuh Mansur Hadi die Präsidentschaft und ein von den Vereinten Nationen unterstützter Übergangsprozess sollte eine neue politische Ordnung schaffen. Die 2013 einberufene National Dialogue Conference sollte insbesondere die Frage beantworten, wie die unterschiedlichen Regionen und politischen Gruppen in einem zukünftigen Staat repräsentiert werden könnten. Die Verhandlungen konnten jedoch keine dauerhafte Lösung für die zentralen Konflikte finden. Insbesondere die Huthi lehnten die geplante föderale Neuordnung ab und gewannen zunehmend militärische Stärke.
2014 eskalierte die Situation. Die Huthi konnten mit Unterstützung von Teilen des Militärs und ehemaligen Verbündeten Salehs große Teile des Nordens einnehmen und im September 2014 die Hauptstadt Sanaa unter ihre Kontrolle bringen. Anfang 2015 zerfiel die Regierung Hadi weitgehend. Hadi floh zunächst in den Süden und anschließend nach Saudi-Arabien. Damit entwickelte sich aus einem innerjemenitischen Machtkampf zunehmend ein regionaler Konflikt. Im März 2015 intervenierte Saudi-Arabien an der Spitze einer Koalition mehrerer arabischer Staaten militärisch auf Seiten der international anerkannten Regierung. Riyadh betrachtete den Aufstieg der Huthi als unmittelbare Bedrohung seiner nationalen Sicherheit und als Möglichkeit für den Iran, seinen Einfluss direkt an der saudischen Südgrenze auszubauen. Iran unterstützte die Huthi politisch und militärisch, wodurch der jemenitische Konflikt zunehmend in die saudisch-iranische Rivalität eingebettet wurde. Gleichzeitig war das Anti-Huthi-Lager selbst fragmentiert. Die Vereinigten Arabischen Emirate unterstützten unter anderem den Southern Transitional Council, der eine weitgehende Autonomie beziehungsweise die Wiederherstellung eines unabhängigen Südjemen anstrebt. Damit standen sich im Jemen nicht nur Huthi und Regierung gegenüber; auch innerhalb des Anti-Huthi-Lagers existierten unterschiedliche Vorstellungen über die zukünftige politische Ordnung des Landes.
Seit Ende 2023 erhielt der Konflikt eine zusätzliche regionale Dimension. Im Zusammenhang mit dem israelischen Krieg gegen die palästinensischen Autonomiegebiete begannen die Huthi, Schiffe im Roten Meer und im Golf von Aden anzugreifen und erklärten dies als Unterstützung der Palästinenser im Gazastreifen. Dadurch wurde der Jemen unmittelbar mit dem umfassenderen Konflikt zwischen Iran, Israel und deren jeweiligen Partnern verbunden. Die strategische Lage des Landes am Bab al-Mandab machte die Angriffe zugleich zu einer internationalen Sicherheitsfrage, da die Meerenge eine zentrale Verbindung zwischen dem Indischen Ozean, dem Roten Meer und dem Suezkanal darstellt. Trotz internationaler Bemühungen intensiviert sich dieser Konflikt zunehmend, ohne langfristige Perspektiven der Konfliktlösung.
Chinas Einflussnahme Im Jemen
Die tiefgreifenden Verflechtungen der Konflikte in Sub-Anatolien unterstreichen die prekäre Lage. Ein zunächst innerjemenitischer Konflikt weitet sich auf die regionale Ebene aus, sodass dieser die politische Strategie der Regionalmächte nachhaltig beeinflusst. Der Jemen wird so zu einem Spielfeld, in dem vor allem Saudi-Arabien und der Iran ihre Interessen durchsetzen wollen; ein Durchsetzen ihrer Ziele im Jemen begünstigt weitere Erfolge in der regionalen Konfliktkonstellation. Andersrum sind Niederlagen im Jemen nicht nur von symbolischer Bedeutung, denn durch die massive Ressourcengebundenheit verlieren die Akteure in der gesamten Region an Möglichkeiten zur Einflussnahme. Insbesondere für Saudi-Arabien, das seit über einem Jahrzehnt in dem Konflikt partizipiert, sind diese Verluste schwerwiegend. Der Iran, welcher lediglich durch die Unterstützung der Huthi partizipiert, kann hierdurch mit einem relativ moderaten Ressourcenaufwand seinen geopolitischen Rivalen schwächen.
Als Reaktion auf diese Spannungslage versucht das Königreich, seine internationalen Partner einzubinden. Insbesondere die USA, mit denen Saudi-Arabien seit Jahrzehnten enge sicherheits- und militärpolitische Beziehungen unterhält, stellen dabei einen naheliegenden Ansprechpartner dar. Als eine direkte militärische Unterstützung der USA jedoch zunächst ausblieb, wandte sich Riyadh zunehmend an China. Diese Entwicklung steht dabei nicht isoliert, sondern knüpft an eine bereits seit mehreren Jahren wachsende diplomatische Rolle Pekings in der Region an. Bereits 2021 und 2022 hatten Saudi-Arabien und Iran, unter anderem mit Unterstützung des Irak und Omans, Gespräche über eine Verbesserung ihrer Beziehungen geführt. Im März 2023 übernahm China schließlich eine zentrale Vermittlungsrolle. In Beijing fanden vom 6. bis zum 10. März 2023 Gespräche zwischen hochrangigen saudischen und iranischen Sicherheitsvertretern statt, die in einer Vereinbarung zur Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen und zur Wiedereröffnung der jeweiligen Botschaften mündeten. Darüber hinaus vereinbarten beide Staaten, ein bereits bestehendes Sicherheitskooperationsabkommen sowie frühere Abkommen in den Bereichen Wirtschaft, Handel, Investitionen und Technologie umzusetzen. China positionierte sich damit nicht als militärischer Schutzgeber Saudi-Arabiens, sondern als Akteur, der aufgrund seiner Beziehungen zu beiden Seiten über diplomatische Zugangsmöglichkeiten verfügt. Diese Rolle Pekings zeigte sich auch jetzt während der erneuten Eskalation. Nachdem Saudi-Arabien angesichts der Huthi-Offensive erneut Unterstützung bei China suchte, forderte Beijing den Iran nach Angaben von Reuters auf, seinen Einfluss auf die Huthi zu nutzen, um eine weitere Ausweitung des Konflikts zu verhindern. Damit greift Saudi-Arabien auf eine Form chinesischen Einflusses zurück, die sich deutlich von der traditionellen Sicherheitsgarantie der USA unterscheidet, denn während Washington vor allem über militärische Fähigkeiten und Sicherheitskooperationen Einfluss ausübt, basiert Pekings Rolle stärker auf diplomatischen Beziehungen, wirtschaftlicher Verflechtung und dem Zugang zu mehreren Konfliktparteien.
Süd-Süd-Kooperationen
Im Zuge dessen ist es sinnvoll, sich dem Begriff der Süd-Süd-Kooperationen zu widmen, welcher diese Dynamiken untersucht und erklärt. Süd-Süd-Kooperationen stehen dabei für eine grundlegende Veränderung der traditionellen Strukturen internationaler Zusammenarbeit. Über Jahrzehnte verliefen finanzielle Ressourcen, Expertise und politische Handlungsempfehlungen überwiegend vom Globalen Norden in Richtung des Globalen Südens. Dadurch entstand nicht nur eine wirtschaftliche Abhängigkeit, sondern auch ein Machtgefälle hinsichtlich der Frage, welche Entwicklungsmodelle und politischen Ansätze als erfolgreich und übertragbar galten. Mit dem wirtschaftlichen und politischen Aufstieg von Staaten wie China, Indien oder Brasilien hat sich diese klassische Rollenverteilung zunehmend verändert. Staaten, die zuvor überwiegend als Empfänger internationaler Unterstützung auftraten, werden selbst zu Gebern von finanziellen Mitteln, Infrastruktur, technologischer Expertise und politischen Konzepten.
China nimmt innerhalb dieser Entwicklung eine besondere Stellung ein. Sein Ansatz unterscheidet sich von klassischen europäischen und neo-europäischen Entwicklungsmodellen insbesondere durch die Konzentration auf wirtschaftliche Produktivität, Infrastruktur, Digitalisierung und staatliche Handlungsfähigkeit, während direkte Eingriffe in die politischen Systeme der Partnerstaaten weitgehend vermieden werden. Dadurch wird chinesische Kooperation nicht ausschließlich als finanzielle Unterstützung verstanden, sondern zunehmend als umfassender Transfer von wirtschaftlichem und technokratischem Wissen. Die daraus entstehenden Beziehungen gehen über klassische Entwicklungshilfe hinaus und verbinden wirtschaftliche Kooperation mit langfristigen politischen und diplomatischen Beziehungen. Die Bedeutung dieser Entwicklung liegt deshalb nicht allein in der Menge der übertragenen Ressourcen, sondern auch in der zunehmenden Fähigkeit Chinas, internationale Institutionen, Kooperationsstrukturen und politische Diskurse mitzugestalten. Wirtschaftliche Abhängigkeiten schaffen dabei indirekte Einflussmöglichkeiten, während die Beteiligung an multilateralen Institutionen Zugang zu Entscheidungsprozessen und internationalen Agenden eröffnet. Gleichzeitig nimmt China eine besondere Position ein, da es sich sowohl als globale Großmacht als auch als Teil des Globalen Südens versteht. Dadurch kann Beijing seine wachsende internationale Rolle als Alternative zu den traditionellen Nord-Süd-Beziehungen darstellen, ohne dabei vollständig auf die bestehenden multilateralen Strukturen zu verzichten.
Besonders relevant wird diese Entwicklung, wenn Süd-Süd-Kooperation über wirtschaftliche und entwicklungspolitische Fragen hinaus auch diplomatische und sicherheitspolitische Bereiche erreicht. Die chinesische Vermittlung zwischen Saudi-Arabien und Iran im Jahr 2023 verdeutlicht diese Entwicklung. China nutzte hierbei nicht militärische Sicherheitsgarantien, sondern seine Beziehungen zu beiden Staaten, um eine Annäherung zwischen zwei zentralen Rivalen der Region zu ermöglichen. Auch die erneute Kontaktaufnahme Saudi-Arabiens mit Beijing im Zuge der Eskalation im Jemen 2026 zeigt, dass diese Beziehungen eine weitergehende politische Funktion erhalten können. China konnte seinen Zugang zum Iran nutzen, um auf Teheran einzuwirken und dessen Einfluss auf die Huthi für eine Begrenzung der Eskalation einzusetzen. Damit ersetzt China nicht die USA als traditionellen Hegemon der Region, vielmehr entstehen parallel unterschiedliche Formen internationaler Einflussnahme. Während die USA ihren Einfluss insbesondere über militärische Fähigkeiten, Sicherheitskooperationen und Bündnisstrukturen ausüben, basiert der chinesische Ansatz stärker auf wirtschaftlicher Verflechtung, diplomatischem Zugang und langfristigen Partnerschaften. Für Staaten des Globalen Südens eröffnet dies zusätzliche Handlungsmöglichkeiten und erlaubt es ihnen, ihre internationalen Beziehungen stärker zu diversifizieren. Süd-Süd-Kooperationen werden damit zunehmend zu einem Instrument, durch das nicht nur Ressourcen und Wissen, sondern auch diplomatischer Einfluss und politische Handlungsspielräume neu verteilt werden. Der Fall Jemen verdeutlicht dabei, wie sich diese veränderten Kooperationsstrukturen unmittelbar auf die regionale Konfliktordnung auswirken können.
Einschränkungen Der Monopolstruktur
Die Diversifizierung der regionalen Machtstruktur in Sub-Anatolien illustriert die globalen Machtverschiebungen von internationalen Akteuren. Da die Durchsetzungsmacht eigener politischer Interessen immer relativ zu betrachten ist, bedeutet eine Zunahme von Süd-Süd-Kooperationen auch gleichzeitig eine Abnahme von europäischen und neo-europäischen Machtstrukturen. Insbesondere die USA, welche nach dem Zweiten Weltkrieg eine geopolitische Monopolposition aufbauen konnten, verlieren, wie oben gesehen, ihre dominante Position. Dies ist jedoch nicht bloß eine zufällige Erscheinung, sondern eine strukturell bedingte. Eine solche Monopolstellung beinhaltet das grundlegende Dilemma, dass Macht nie isoliert existiert, sondern zwingend ein Netz von wechselseitigen Abhängigkeiten voraussetzt. Ein Hegemon benötigt Partner, um seine Macht global zu projizieren, strategische Infrastrukturen zu sichern und seine Ressourcen zu entfalten. Diese Abhängigkeit ist jedoch keineswegs einseitig, denn sie bleibt nur so lange stabil, wie der Monopolist seinen Partnern durch kontinuierlichen Machtzuwachs, Sicherheit oder ökonomische Vorteile einen Mehrwert bieten kann. Erreicht das System einen Sättigungspunkt, bei dem keine weitere Expansion mehr möglich ist, kippt diese Dynamik. Der Monopolist gerät in eine defensive Rolle. Seine Ressourcen fließen fortan nicht mehr in den Ausbau der eigenen Dominanz, sondern müssen aufwendig dafür aufgewendet werden, den bedrohten Status quo zu verwalten. Durch diese Verfestigung verliert das Gesamtsystem an Flexibilität. Sobald der relative Nutzen für die Partner sinkt, entstehen zentrifugale Kräfte. Die Loyalität der Verbündeten bröckelt, da die Abhängigkeit vom Hegemon zunehmend als Belastung empfunden wird.
Genau diese strukturelle Inflexibilität und Überdehnung lassen sich am gegenwärtigen Handeln der USA beobachten. Da die eigenen Ressourcen trotz aller Kapazitäten endlich sind, müssen die USA diese primär einsetzen, um ihren schwindenden Einfluss an mehreren Schauplätzen gleichzeitig abzusichern. Es entstehen parallele Konfliktfelder, die das Potenzial haben, die relative Machtposition der nordamerikanischen Nation nachhaltig zu schwächen. Insbesondere der aktuelle Krieg gegen den Iran, aber auch die schwelenden Krisen um Venezuela und Taiwan binden immense strategische sowie militärische Mittel. Für Washington entsteht daraus ein gravierendes Dilemma, da man die eigenen Verbündeten zwar eng an sich binden möchte, jedoch nicht mehr in der Lage ist, sich an jeder neuen regionalen Entwicklung aktiv zu beteiligen. Vor diesem Hintergrund erweist sich die Beteiligung des Iran im Jemen aus strategischer Sicht als äußerst wirkungsvoll. Durch das Öffnen dieser neuen Flanke entsteht eine Lücke, die die USA für ihren regionalen Verbündeten Saudi-Arabien nicht mehr decken können. Als direkte Reaktion auf diese Starrheit und die schwindende Schutzgarantie werden andere globale Akteure, wie in diesem Fall China, für eine Kooperation attraktiver. Entwicklungen wie die Formierung der Mekka-Allianz verdeutlichen diesen Trend und unterstreichen die wachsende Relevanz von Partnerschaften auf Augenhöhe, statt bilateraler Abhängigkeiten.
Einordnung In Den Gesamtkontext
Die dargestellten Entwicklungen im Jemen-Konflikt verweisen abschließend auf zwei zentrale Beobachtungen, die über den unmittelbaren Fall hinausgehen. Zum einen zeigt sich in Chinas Vorgehen ein fundamental anderes Verständnis von Einflussnahme als in der traditionellen, von den USA geprägten Ordnung. Während europäische, beziehungsweise neo-europäische, Hegemonie historisch auf Sicherheitsgarantien, militärischer Präsenz und damit auch auf einer gewissen Kontrolle über die Handlungsspielräume der Partnerstaaten beruhte, verzichtet China explizit auf die Rolle des Sicherheitsgaranten. Peking strebt weder territoriale Dominanz noch die Kontrolle über die Ressourcen seiner Partner an, sondern setzt auf wirtschaftliche und diplomatische Verflechtung. Der entscheidende Unterschied liegt dabei im Charakter der entstehenden Beziehung. Abhängigkeit setzt ein hierarchisches Gefälle voraus, in dem der Schwächere auf die Unterstützung des Stärkeren angewiesen ist; Verflechtung hingegen erzeugt wechselseitige Bindungen, die beiden Seiten Handlungsspielräume belassen. China sichert sich dadurch zwar Einfluss, jedoch nicht in einem Ausmaß, das einer vollständigen Vereinnahmung des Partners gleichkäme, bewahrt somit aber auch umgekehrt die eigene Flexibilität, sich aus einzelnen Konflikten ohne größere Verluste wieder zurückzuziehen. Ob es sich hierbei um eine genuin andere Praxis internationaler Beziehungen handelt oder lediglich um eine machtpolitisch kluge Inszenierung, die China in einem frühen Stadium seines globalen Aufstiegs schlicht effektiver erscheint als militärisches Engagement, lässt sich an diesem Punkt nicht abschließend beantworten. Mit fortschreitender Konsolidierung chinesischer Macht könnte sich zeigen, ob das Prinzip der Partnerschaft auf Augenhöhe Bestand hat oder ob es sich, ähnlich wie frühere hegemoniale Projekte, im Zuge wachsender struktureller Übermacht in eine neue Form der Abhängigkeit verwandelt.
Damit geht ein zweiter, nicht weniger bedeutsamer Aspekt einher. Gerade weil Süd-Süd-Kooperationen nicht auf einseitiger Abhängigkeit beruhen, eröffnen sie den beteiligten Staaten des Globalen Südens neue Spielräume zur eigenständigen Entwicklung, solche, die in klassischen Nord-Süd-Beziehungen durch die enge Bindung an den jeweiligen Hegemon strukturell begrenzt waren. Diese größere Unabhängigkeit begünstigt wiederum die Herausbildung zusätzlicher regionaler Akteure, die sich als eigenständige Vermittler und Bündnispartner positionieren. Am Beispiel Sub-Anatoliens lässt sich dies bereits andeuten: Neben China treten zunehmend weitere Staaten wie die Türkei als Mediatoren und Allianzpartner auf, die eigene Interessen verfolgen und die bestehenden Konfliktkonstellationen mitgestalten. Die Diversifizierung der relevanten Akteure verändert damit nicht nur die Dynamik einzelner Konflikte wie die des Jemen-Kriegs, sondern deutet auf eine tiefergehende Transformation der internationalen Ordnung. Eine Entwicklung weg von einer unipolar-organisierten Weltordnung hin zu einer stärker multipolaren Konstellation, in der der Einfluss zunehmend über Netzwerke wechselseitiger Verflechtung statt über hierarchische Abhängigkeitsverhältnisse ausgeübt wird.
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